3/31/2012

5 Variationen meines Gedichtes, geschrieben von Michael Freuding


Thema, Das Tier in uns

Das Tier in uns hat scharfe Zähne
läuft wild und gierig seine Runden
und manchmal zeigt sich eine Träne
wen wundert's, es ist angebunden.

Die Krallen wurden ihm geschnitten
das Spitz der Zähne minimiert
sein Fell geschoren, abgeschnitten
wen wundert's, wenn sich's echauffiert.

So sind wir Menschen, für und wider
ein bisschen seltsam, weil dual
der Stift führt uns zum Ursprung wieder
dem Tier in uns ist das egal.


Variation 1, Wilde Erkenntnis

Was schreit und tobt in meiner Seele,
wenn ich mir fremde Wege wähle
und Sittsamkeit mich drückend quält?
Das Tier in mir ersinnt sich Freiheit,
der Mensch winkt ab und wählt die Trägheit,
weil das dem Volke so gefällt.

Ich möcht’ mich in der Wildnis spüren,
möcht reuelos dich, Weib, verführen,
als gäbe es die Sitte nicht.
Will animalisch küssen, beißen,
die Kleider dir vom Leibe reißen,
so ganz banal, ganz männlich, schlicht.

Wir streben nach dem Glanz der Strenge,
begeben uns in jede Enge,
obwohl das Tier in uns noch brüllt.
Zwei Wesen müssen sich vereinen,
dann sind wir mit uns selbst im Reinen,
dann Leben wir vom Glück erfüllt.


Variation 2, Wortgemenge

Beißen, reißen, Pranken schlagen,
Feinde ächten, schlachten, jagen –
Das verlangt der Mensch in mir.
Lieber in die Ferne schweifen,
sich bemühen, weiter reifen,
erst wenn’s gilt, nach Sternen greifen,
so gebart sich manches Tier.

Werben, buhlen, schwärmen, balzen,
locker mit den Fingern schnalzen,
Baby, was erzähl ich‘s dir?
Schau, wie ich mich um dich schlage,
wortgewaltig dir behage,
niemals schreie, niemals klage,
nur für deines Lächelns Zier.

Nisten, bauen, Pflöcke schlagen,
eigenes Revier umhagen,
trautes Heim, geraubtes Glück.
Denk zurück an wilde Zeiten,
reichliche Gelegenheiten,
Nächte der Unwägbarkeiten-
Jene Zeit kommt nie zurück.


Variation 3,Sonett des Fortschritts

Das Tier in mir will lamentieren,
beklagt sich, dass es angebunden,
fühlt sich getreten und geschunden-
sollt mich das wirklich int‘ressieren?

Mein Biss ist stumpf, ich kann verlieren,
ich habe kämpfend mich gewunden,
will nunmehr die Moral erkunden,
da sollt' kein Tier sich echauffieren.

Wenn beide Wesen mit sich ringen,
besiegt die Ratio das Gespür.
Das lehrte mich vor allen Dingen,

wohin der Drang zur Einheit führt.
So will ich mich zur Spaltung zwingen
Und bleib vom Tiere ungerührt.


Variation 4, Hommage

Wenn ich das Tier in mir spüre,
schmilzt der Mensch dahin. Schmilzt
der Mensch dahin, vergeht das Verlangen.
Ohne Verlangen vernebelt der Sinn.
Ohne Sinn verblassen die Fragen.
Ohne Fragen verlier ich die Sprache.
Ohne Sprache ist nichts mehr zu sagen.
Ist nichts mehr zu sagen, dann steh‘
Ich alleine. Alleine mit Menschen und
Tieren in mir.

Wenn ich das Tier in mir spüre,
ahne ich, was ich gewesen bin.
In mir jedoch schmilzt das Menschsein dahin.
Die Triebe zerschlagen banale Gedanken.
Ohne Gedanken besteht keine Sprache.
Die Sprache verloren, verblassen die Fragen.
Verblassen die Fragen, ist nichts mehr zu sagen.
Ist nichts mehr zu sagen, dann steh‘
Ich alleine. Alleine mit Menschen und
Tieren in mir.


Variation 5, Klassisch

Ach Mensch, du sollst dich ernsthaft hinterfragen,
denn was du denkst, entspricht dir oftmals nicht.
Seitdem die ersten Menschen nicht mehr jagen,
verging nur wenig Zeit, drum bliebst du schlicht.

Wir nutzen jede Technik zum Verblöden,
so lebt es sich bequemer ohne Not.
Derweil Moral und Anstand uns veröden,
schreit manches Kind des Wohlstands noch nach Brot.    

Wir stillen nicht das wirkliche Bedürfnis -
was uns am Leben hält, ist ganz banal.
So kommt es zu manch innerem Zerwürfnis,
wer reichlich konsumiert, besiegt die Qual.  

So hängen wir am Tropf der Illusionen
Und zählen uns zum Kreis, der heimlich führt.
In Wahrheit sind wir Knechte wie Millionen,
vom Herdentrieb geblendet, integriert.  
  
Wir kämpfen wie Idioten um die Freiheit -
Gesetz des Dschungels, du verhießest Heil!
Wir wählen uns ein Ideal der Dummheit
und meinen, daran hätten wir nicht teil.

 Herzlichen Dank, Michael!

 

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